INGENIEUR-NACHRICHTEN – Ausgabe 6/2017

Die Ausgabe 6 / 2017 (Print) ist erschienen.

Titelthema „Energiewende – kontrovers“

INHALTSVERZEICHNIS

TITELTHEMA
06 Größter Batteriespeicher Sachsens
07 Chancen und Geschäftsmodelle bei autarker Energieversorgung
08 Klimaschutz und Dekarbonisierung der Energieversorgung
09 Thesen, die gegen den Strich bürsten
INFORMATIONEN
10 Energiewende auf kleinster Ebene
11 Modellstandort für Energieversorgung
12 Praxistest für den Energiemarkt der Zukunft
13 Größter Stromspeicher der Welt
14 Intelligentes Lademanagement
15 Was halten die Deutschen von der Energiewende?
15 Stromflüsse im Osten
16 Stadtteile als grüne Selbstversorger
16 Verfahrensdokumentation gehört zu den GoBD
17 Microplastik – in Lebensmitteln aus dem Meer
17 Mobilität im Fokus der Aufmerksamkeit
FORSCHUNG UND BILDUNG
18 Zwickauer Energiewende
18 Thermisch flexible Aluminiumproduktion
19 Hochtemperaturspeicher für Ökostrom
19 Grüner Wasserstoff für die Energiespeicherung
MESSEINFORMATIONEN
20 Kompakt, intensiv und international
20 BAUTEX-Symposium
21 Perimeter Protection
21 Politik honoriert Bedeutung von Spezialbaumessen
JUGENDPOWER
22 Preisträger bundesweiter Schülerwettbewerbe treffen sich in Berlin
TECHNIKGESCHICHTE
23 Kraftwerke – die Basis der Elektrochemie
VEREIN DER INGENIEURE UND TECHNIKER IN THÜRINGEN e.V.
24 Neue Webseite des VITT
24 Messe Erfurt feiert 20-jähriges Jubiläum
25 Vice President der AEI gewählt
VEREIN DER INGENIEURE, TECHNIKER UND WIRTSCHAFTLER IN SACHSEN e.V.
26 Chinakontakte
26 Windenergie
27 Stahl-Keramik-Verbundwerkstoffe
VEREIN DER INGENIEURE UND WIRTSCHAFTLER in Mecklenburg-Vorpommern e.V.
28 Rostock hat ein neues maritimes Brand- und Sicherheitszentrum
28 Innovation im Treppenbau in Lützow
29 Der Vorstand informiert

LEITARTIKEL

Liebe Leserinnen und Leser,

kaum ein Leitartikel kommt heute ohne einen Bezug auf den Klimawandel aus. Das Bild vom traurigen Eisbären auf einer tauenden Eisscholle ist hierfür zum Synonym geworden. Dabei ist der moderne Mensch seit 100 000 Jahren einem stetigen Klimawandel ausgesetzt und hat sich um den Preis des Überlebens an diesen anpassen müssen. Während die einen den Klimawandel überhaupt leugnen, bestreiten die anderen, dass der massive CO2-Ausstoß durch die exzessive Verbrennung fossiler Energieträger einen Einfluss hat. Währenddessen explodiert die Weltbevölkerung. Wir werden mehr, in jedem Jahr um die Bevölkerungszahl Deutschlands. „Ihr Kinderlein kommet, …“ – und sie kommen längst. Die vielen neuen Erdenmenschen haben Anspruch auf einen Anteil an den knapper werdenden natürlichen Ressourcen. Im Gegensatz zum Klimawandel ist die Endlichkeit natürlicher Ressourcen einigermaßen klar zu beziffern. Die Verwirklichung des Nachhaltigkeitsprinzips und die Beendigung von Raubbau und Naturzerstörung sind Ausdruck fundamentaler Vernunft.
Gerade waren zur Klimakonferenz in Bonn 25 000 Teilnehmer aus aller Welt angereist, um wieder leidenschaftlich vor den Folgen des Klimawandels zu warnen und an die Politik zu appellieren. Deutschland ist zwar nur mit ca. 1 % an der Weltbevölkerung und mit ca. 2 % am Weltprimärenergieverbrauch beteiligt, könnte aber als hoch entwickeltes Industrieland eine große Vorbildwirkung ausüben. Hingegen erreicht unser Land die selbstgestellten Klimaziele vorerst nicht.
Welche vernünftigen, ausführbaren Schritte können im eigenen Lande getan bzw. welche Fehler können korrigiert werden? Wer als Politiker nach dem hastigen Atomausstieg nun den zeitnahen Ausstieg aus Diesel und Braunkohle fordert, muss wohl mit der Physik auf Kriegsfuß stehen. Da sind Herz und Verstand anscheinend aus der Balance.
Elektromobile sind auf unseren Straßen noch kaum wahrnehmbar. Hingegen gibt es einen unübersehbaren Trend zu allradgetriebenen SUV’s. Nicht ein Tesla begeistert den Wohlstandsbürger, sondern SUV‘s mit beliebigem Treibstoffverbrauch, die ggf. samt Reserverad und Kuhfänger als Betriebsausgaben steuerlich geltend gemacht werden können. Dafür gibt es für private Arbeitswege eine kaum kostendeckende Kilometerpauschale.
Der Ausstieg aus der Kohle bedeutet insbesondere für die betroffenen Bundesländer einen grundlegenden Strukturwandel. Wie ist dieser zu bewältigen und woher soll die Elektroenergie kommen, wenn Sonne und Wind fehlen? Es werden Reservekraftwerke und Speicher benötigt, die einspringen und ein Leistungsdefizit ausgleichen können. Damit könnte die Braunkohlegrundlast wenigstens reduziert werden.
Moderne Gaskraftwerke sind schnell verfügbar und haben höchste Wirkungsgrade. Die deutsche Gasturbinentechnologie ist marktführend. Gaskraftwerke lassen sich aber im Reservebetrieb mit geringen Einschaltzeiten am Markt kaum amortisieren. Diese müssten sinnvollerweise vorgehalten werden, wie die Feuerwehr. Auch die wenigen Pumpspeicherwerke sind in Deutschland derzeit nicht wirtschaftlich betreibbar, u.a. weil sie als Letztverbraucher mit Netznutzungsentgelten beaufschlagt werden. Reservekraftwerke und Großspeicher sollten doch vernünftigerweise als netzdienliche Einheiten den Netzbetreibern zugeordnet und über Netznutzungsentgelte finanziert werden.
Elektroenergie muss bezahlbar bleiben. Dabei hat der Anteil der Staatsquote am Strompreis seit 2013 die 50 % Marke überschritten. Eine Umsatzsteuer von 19 % wird auch auf die stetig steigende EEG-Umlage erhoben. Das Umsatzsteuereinkommen aus der Elektroenergie hat sich in den letzten 15 Jahren etwa verdoppelt. Hingegen gilt für andere lebenswichtige Güter wie Wasser, Lebensmittel und Hotelübernachtungen eine reduzierte Umsatzsteuer von 7 %. Die Deckelung der Staatsquote, ggf. zuungunsten der Umsatzsteuer, wäre eine vernünftige Maßnahme, die zudem Geringverdiener endlich spürbar entlastet.
Netzbetreiber stöhnen seit Jahren über die Anreizregulierung, dürfen nun aber auf der Basis von EEG-Netzausbauplänen wieder mehr investieren. Die BNetzA und die Netzbetreiber müssen endlich zu einer vernünftigen Zusammenarbeit auf Augenhöhe kommen, um ein volkswirtschaftliches Optimum zu finden.
Die Energiewende muss gelingen – sie ist wirklich alternativlos. Wir brauchen dazu eine konzertierte Aktion der Politik, der Industrie, der Energieversorger und Netzbetreiber, die die Bürger und Wähler dieses Landes überzeugt.

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Schufft
TU Chemnitz