Industrie 4.0: Revolution oder doch Evolution?

Die Globalisierung, transparente Märkte und der digitale Lifestyle beschleunigen den Wettbewerb im produzierenden Gewerbe. Kein Produzent kann es sich noch leisten, lange Produktionszeiten-, intransparente Lieferketten- und große Lagerbestände zu haben. Entweder findet der Kunde zur Konkurrenz oder die Produktion verursacht hohe Kosten. Ist die „4. Industrielle Revolution“ und die „Digitalisierung“ der Ausweg aus diesem Dilemma?  Zu dieser Frage hat Christian Fischer,  Geschäftsführer der TecArt GmbH,  einige Aspekte beleuchtet.

Was sind die Treiber von Industrie 4.0?

Der ewig unzufriedene Kunde – Das Dilemma des ewig nicht zufriedenen Kunden gibt es schon seit Jahrzenten. Die Industrie hat verschiedene Konzepte wie Lean Production, Lean Manufacturing oder Simultaneous Engineering angewandt, um Rohstoffe zu schonen und Schwankungen in der Lieferkette oder der Kundennachfrage auszugleichen. Doch auch Sie konnten dem sozialen Trend, beschleunigt und angetrieben vom Wunsch nach absoluter Individualität nicht beikommen. „Der Kunde möchte ein individuelles Produkt zum Preis der Massenware über Nacht geliefert bekommen.“ so Christian Fischer,  Geschäftsführer der TecArt GmbH
Dabei hat sich die Industrie immer bemüht, die Kosten in der Produktion gering zu halten und die Waren zu einem attraktiven Preis für den Kunden anzubieten. Im B2B ist die Kundenbindung sicher etwas stärker als im B2C. Dennoch ist der Umgang mit dem Internet und Smartphones längst im beruflichen Alltag State of the Art. Die Recherche nach dem günstigsten Anbieter und der Forderung nach Transparenz hinsichtlich Preis und Qualität sind enorme Herausforderungen für die Industrie.

Prozess- und technologische Innovationen

Um den gestiegenen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden, erhöhen sich die Kosten in der Produktion und im Marketing. Diese sind in den globalen und gesättigten Märkten nicht länger durch günstige Rohstoffpreise und Mehrverkauf auszugleichen. Die Folge sind Prozess- und technische Innovationen. Industrie 4.0 profitiert dabei von den Entwicklungen in folgenden Bereichen:

· Robotik
· Smart Factory
· Cloud Computing
· Internet of Things
· Big Data

Unter dem Stichwort „Digitale Transformation“ lassen sich die Themen in einem ganz eigenen Zukunftsmarkt einordnen. „Doch was bedeutet das eigentlich ganz konkret für Unternehmen, die im Mittelstand tätig sind und keine großen Budgets für Software, Hardware und Innovationsmanagement haben?“ Dieser Frage widmen sich sechs Experten der IT-Branche im „TecArt Trend-Atlas 2016“ und stellen Best- und Good-Practice verschiedener Branchen aus Industrie und Mittelstand vor.

Zum kostenlosen Download: TecArt Trend-Atlas 2016

Berichterstattung und falsche Erwartungen
Sieht man sich vor allem die Berichterstattung der letzten 2 Jahre an, scheint es schlecht um die deutsche Industrie bestellt zu sein. Das Manager Magazin spricht von „Industrie 4.0 – der große Selbstbetrug“, das Handelsblatt bescheinigt „Die Angst des Mittelstands vor der Digitalisierung“ und die Welt sieht „Deutschland ist bei der Industrie 4.0 auf dem Holzweg“. Dies liegt sicher an den überzogenen Erwartungen und dem Buzzword Bingo „4. Industrielle Revolution“. Vielleicht ist es falsch von einer Revolution auszugehen. Denn die Digitalisierung ist schon seit mehreren Jahrzenten voll im Gang. Die Schriftstellerin Kathrin Passig hat erst kürzlich in einem Beitrag das Problem des Begriffes „Digitalisierung“ dargelegt und wunderbar herausgearbeitet, wie unpräzise der Begriff benutzt wird und damit falsche Erwartungen aufkommen lässt.

Hat Deutschland die 4. industrielle Revolution verpasst?

Notwendige Voraussetzungen
Betrachtet man Industrie 4.0 von einem anderen Standpunkt aus, kann die Zukunft der deutschen Industrie auch anders aussehen. Das Schlüsselwort heißt Cross-Industrie-Innovation und beschreibt die Schaffung von Zukunftsmärkten. Bei diesen Systemtransformationen geht es in erster Linie um die kreative Kombination von Kompetenzen und dem Finden von Kooperationen über Branchen hinweg. Damit diese entstehen können, müssen in verschiedenen Bereichen gewisse Voraussetzungen geschaffen werden. Industrie 4. 0 bezeichnet die intelligente Vernetzung von Menschen, Maschinen und Objekten in Echtzeit. Für die intelligente Vernetzung von Mensch und Maschine sind Fortschritte aus den Bereichen Cloud Computing, Virtuelle Realitäten und dem Internet of Things notwendig. Laut dem Gartner Hype Cycle 2014 sind Trends wie Big Data, IoT und Machine to Machine Communication noch nicht auf dem Plateau der Produktivität. Dies sind aber notwendige Voraussetzungen für eine mögliche Revolution in der Industrie. Demnach kann diese in Deutschland noch nicht stattgefunden haben.
Best Practice aus dem Mittelstand
In Anbetracht der Tatsache, dass ein typischer Innovationsprozess heutzutage ca 10 Jahre braucht und die technischen Auslöser für die Industrie 4.0 nur noch 2-5 Jahre bis zur Diffusion am Markt, kann es um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie noch nicht so schlecht bestellt sein, wie mancherorts angenommen wird. In vielen Unternehmen wird schon seit geraumer Zeit an Strategien und Projekten zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet. Der größte produzentenunabhängige Stahl- und Metallhändler Klöckner, hat zusammen mit der internationalen Berater Firma etventure die Weichen für „Stahl wird digital“ gestellt. Der Mittelstandbetrieb Würth hat zusammen mit dem Fraunhofer Institut ein multifunktionales und digitales Regaletikett mit passender App entwickelt. Die Lagerhaltung wird somit bei Würth voll automatisch erstellt. Die Schreinerei Holzgespür macht mit einem 3D-Online-Konfigurator Premium-Möbel nach Maß über das Internet bestellbar.

All die Beispiele zeigen, daß deutsche Unternehmen auch im Mittelstand nicht untätig sind. Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA gehen Unternehmen hier eher Schritt für Schritt vor. Bereits heute bieten viele Hersteller aus der ITK Branche bezahlbare und ausreichende Lösungen für den Mittelstand an. Allerdings ist ein Gelingen von Industrie 4.0 nicht allein von der Einführung von Soft- und Hardware abhängig. IT-Abteilungen sollten nicht alleingelassen werden, wenn es um die Optimierung von Unternehmensprozessen geht. Die Wertschöpfung im Unternehmen lässt sich nur dann erhöhen, wenn Chancen und Risiken auf das bestehende Geschäftsmodell von allen Abteilungen analysiert werden.

Neue Wertschöpfungspotenziale entstehen durch Plattformen und Kooperationen

Damit Industrie 4.0 auch in Deutschland wirklich gelingt, müssen aber nicht nur organisatorische Veränderungen in Unternehmen getroffen werden. Die Politik ist gefragt, um einen gesetzlichen Rahmen zu schaffen, der beispielsweise branchenübergreifend den Umgang von Machine-to-Machine-Systemen regelt. Genauso muss geklärt werden, wie Kundendaten gesammelt und in die Wertschöpfungskette integriert werden.

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die Erweiterung der Wertschöpfung sind Investitionen in Forschung und Entwicklung. Dabei ist auch der Mittelstand gefragt, will er nach wie vor der Motor der deutschen Wirtschaft bleiben. Um die Investitionen für Forschungsprojekte in einer stabilen Kosten-Nutzen-Relation zu halten, sind branchenübergreifende Kooperationen eine sehr gute Möglichkeit. In Thüringen haben sich z.B. zu diesem Zweck verschiedene Anbieter der IT-Branche zum ITnet Thüringen zusammengeschlossen. TecArt als langjähriger Vertreter der Thüringer IT-Branche, bringt mit seinen zahlreichen Kooperationen im Forschungsbereich – unter anderem auch mit Spitzenvertretern aus dem Maschinenbau – wertvolle Impulse für die Industrie.

Es gibt also noch reichlich viel zu tun. Doch wie die Erfahrung und aktuelle Projekte der IT-Branche zeigen, sind in vielen Deutschen Unternehmen die Weichen im Bereich Industrie 4.0 in Deutschland gestellt. Ob es die prophezeite Revolution gibt bleibt abzuwarten. Aber eine Evolution dank der Digitalisierung ist schon jetzt im Gange.

Autor des Beitrages: Christian Fischer